Wenn eine interdisziplinäre Forschungsgruppe ihre letzte Jahrestagung veranstaltet, sind die Erwartungen entsprechend hoch: Auf welche Formel lässt sich die sechsjährige Zusammenarbeit bringen? Die Mitglieder von TRANSARA, der DFG-Forschungsgruppe „Sakralraumtransformation“ (FOR 2733), einigten sich auf den Begriff „multiple Sakralitäten.“ Dies mag auf den ersten Blick verwundern, verbindet man doch mit Umnutzung landläufig eine völlige Profanierung des Sakralraums, bei der man sich von jeglicher Sakralität verabschiedet. Die Dynamik der Forschungsaktivitäten und der internationale Austausch der Gruppe führten jedoch zu Revisionen klassischer Dichotomien wie sakral-profan, evangelisch-katholisch, religiös-säkular, Ost-West und zu Differenzierungen, die für die Fragen der Bestandssicherung und Weiterentwicklung der über 40.000 Sakralimmobilien in Deutschland von grundlegender Bedeutung sind. So standen ein von den Theologen Prof. Dr. Jörg Seip (Bonn) und Prof. Dr. Alexander Deeg (Leipzig) erstelltes Grundsatzstatement zu „multiple Sakralitäten“ und dessen Kommentierung von fünf eingeladenen Expertinnen und Experten unterschiedlicher Fachdisziplinen im Mittelpunkt der Tagung.
Zuvor wurden der Verlauf und die Arbeitsweise von TRANSARA präsentiert. Prof. Dr. Albert Gerhards (Bonn), Sprecher der Forschungsgruppe, referierte die Arbeitschritte und Zwischenergebnisse. Sie manifestieren sich in den vorherigen fünf Jahrestagungen, die in Federführung der einzelnen Teilprojekte organisiert wurden, sowie in weiteren Tagungen und Workshops, die in Bänden der projekteigenen Publikationsreihe „Sakralraumtransformationen“ sowie in anderen Organen publiziert wurden und werden. Breiten Raum nahm die Anlage und Betreuung einer Datenbank von an die 300 Objekten ein, aus denen Fallbeispiele für die intensivere gemeinsame Analyse herausgefiltert wurden und die auch Bestandteil der an verschiedenen Orten gezeigten Ausstellung „Transformationslandschaften“ waren.
Martina Schmitz (Köln) und Dr. Kerstin Menzel (Leipzig) führten in zwei Fallbeispiele von Transformationen aus den beiden Untersuchungsgebieten Aachen und Leipzig ein, die daraufhin von Vertreterinnen und Vertretern der fünf Teilprojekte aus fachspezifischer Sicht kommentiert wurden. Die unterschiedlichen Sichtweisen aus Theologie (evangelisch/katholisch; praktisch-theologisch/liturgiewissenschaftlich), Kunstgeschichte/Denkmalpflege und Immobilienwirtschaft spiegeln einerseits die möglichen Konfliktlinien in Umnutzungprozessen vor Ort wider, bieten andererseits die Chance, durch koordinierte Prozessgestaltung zu tragfähigen Lösungen zu kommen. Dazu diente die gemeinsame Analyse abgeschlossener Projekte und die beobachtende Begleitung laufender Prozesse. Die anschließende erste Diskussionsrunde zeigte eine starke Resonanz auf die Impulse seitens der Teilnehmenden.
In ihrem Statement zum zentralen Begriff „multiple Sakralitäten“ erläuterten die Professoren Seip und Deeg, warum die Forschungsgruppe ausgerechnet diese Formulierung für eine Neubestimmung von Sakralität vorschlägt: Zum einen eignet sich der Begriff im Plural als dynamische Kategorie, zum anderen erscheint er erhaltenswert aufgrund seiner Leistungsfähigkeit zur Beschreibung des „Anderen“ dieser Räume und ihres Mehrwerts in verschiedener Hinsicht. Seip näherte sich dem Begriff des Sakralen als etwas Unnützem, Unbedingtem, Unverfügbaren, Unterbrechendem. Nach Eugène Ionesco begreift die Kunst nicht, wer die Nützlichkeit des Nutzlosen und die Nutzlosigkeit des Nützlichen nicht begreift. Auf den Raum und seine Sakralität übertragen: Es geht um eine Raumöffnung an einem konkreten Ort, um dem Nutzlosen, Überschießenden, Unbedingten, Unverfügbaren oder der Unterbrechung (Johannn Baptist Metz) Raum zu geben. Von seinem diskurskritischen Ansatz her beobachtet Seip die gängigen Definierungen von Sakralität. Sie setzen sich (nach Michel de Certeau) entweder strategisch (stabilisierend) oder taktisch (unterlaufend, öffnend) durch. Die Definierung des Sakralen als das Unverfügbare oder Nutzlose kann als eine hilfreiche Heuristik erscheinen, um durch Erfinden und Neuerfinden zu bewahren.
Deeg präsentierte einen Vorschlag einer praktischen Modellbildung und Analysemöglichkeit. Auch er dekonstruierte die klassischen – hier konfessionell klischeehaft zugeschriebenen – Definitionen von Sakralität, die eine irgendwie ontologische Dimension voraussetzten bzw. diese einseitig bestritten. In Analogie zu Jean-Luc Marion („Gott ohne Sein“) spricht er von einem „Heiligen Raum ohne Sein.“ Der Blick richtet sich vom „Raum an sich“ auf die Wahrnehmungen und Deutungen, Praktiken und Handlungen. Mit der Transformation verändert sich das, was Sakralität meint. Einerseits verändern (diakonische, soziale, kulturelle, säkulare) Praktiken den Raum, andererseits verändert der Raum die (nicht explizit religiösen) Praktiken. Dabei gibt es unterschiedliche Zuordnungen und Zonierungen, also Schwellenverschiebungen zwischen „sakral“ und „profan“. Dies führte zu der Sprechweise von multiplen Sakralitäten, die sich im Blick auf ihre Konstitution, Produktion und Transformation beschreiben lassen, wie Deeg in einem dreidimensionalen Denk-, Reflexions- und Handlungsmodell darlegte. Dessen Relevanz erstrecke sich auf alle Bereiche der Transformation, auch in architektonischer und immobilienwirtschaftlicher Hinsicht. Am Ende brachte Deeg den wiederbelebten Begriff der Atmosphäre ins Spiel, der auf den Begriffsvorschlag der multiplen Sakralitäten im Wechselspiel von der Materialität des Raums und der Praktiken in ihm zu beziehen sei.
Aus ihren jeweiligen Fachperspektiven gaben die eingeladenen Expertinnen und Experten Responsen auf die Vorträge.
Prof. Dr. Gabriella Cianciolo Cosentino (Universität zu Köln, Architekturgeschichte und Denkmalpflege) sprach über die „Sakralität der Abwesenheit – was von der Kirche bleibt.“ Ausgehend von der Separierung des Kölner Doms in einen kostenpflichtigen Bereich für Besichtigung und einen für Gebet stellte sie die Frage, wo und wie sich Sakralität manifestiert und ob sie an einen Ort gebunden ist. Sakralität hat etwas mit Präsenz zu tun, aber kann sich auch im Gegenteil durch Absenz manifestieren: Im Christentum wird das leere Grab zum sakralisierten Memorial-Ort. Dies gibt es auch im säkularen Bereich (Architektur der Negation: reflecting absence, Mahnmahl der Twin towers). Die Fehlstelle kann auch bei Kirchen zur Reflexion anregen: Brauchen und wollen wir den sakralen Raum?
Nicola Halder-Hass (Bricks & Beyond Berlin, Immobilienwirtschaft) sprach von einer anfänglichen Skepsis gegenüber dem Schlüsselbegriff der „Sakralität“, bezeichnete ihn aber dann als nützliches Werkzeug, das die Forschung der Immobilienwirtschaft anbietet: Mit der Beschreibung von Sakralität als dem vermeintlich Nutzlosen oder dem Unverfügbaren wird die Besonderheit dieser Räume beschrieben, ein Alleinstellungsmerkmal, das für die Werteemittlung von Belang ist. Der Plural „Sakralitäten“ eröffnet Nutzungsspielräume, die das binäre Denken verschlossen hat. Das Drei-Ebenen-Modell ist anschlussfähig an immobilienwirtschaftliche Instrumente. Der Satz im Referat „Bewahren geschieht allein im Erfinden und Neuerfinden" ist eine Kurzdefiniton von Bestandsprojektentwickung. Der Begriff multiple Sakralitäten nimmt der Immobilienwirtschaft die Ausrede, Sakralität sei nicht ihr Thema – und er nimmt der Kirche die Ausrede, Wirtschaftlichkeit sei nicht das ihre. „Genau in dieser doppelten Zumutung liegt seine Stärke.“
PD Dr. Uta Karstein (Universität Leipzig, Soziologie und Kulturwissenschaften) ging von der Unterscheidung von sakral und profan bei Émile Durkheim aus, die religionssoziologisch relevant, aber auch im säkularen Kontext von Bedeutung ist. Der Plural „multiple Sakralitäten“ hat den Vorteil der Inklusivität und Variabilität. Sie verwies auf die in der neueren Forschung verwendeten Kategorien multiple modernities und multiple secularities. Aus religionssoziologischer Sicht gab sie der Forschungsgruppe weitergehende Perspektiven mit auf den Weg und verwies auf die Nützlichkeit des Atmosphärenkonzepts zur empirischen Erforschung von Raumerfahrungen.
PD Dr. Katharina Opalka (Universität Bonn, Evangelische Theologie) bezog sich auf den Atmosphären-Begriff, der die Qualität des Ambivalenten hat. Insofern Atmosphären im Raum über den Raum hinausgehen, haben sie dogmatische Relevanz, da sie emergente Erfahrungen des Unverfügbaren ermöglichen. Diese gilt es, empirisch zu beschreiben. Multiple Sakralitäten ist in diesem Zusammenhang eine wichtige Kategorie, da sie auf die Notwendigkeit der Bewahrung von Uneindeutigkeit verweist. Diese macht Atmosphäre im Kontext des Sakralen aber auch anfällig für autoritären Missbrauch.
Prof. Dr. Stephan Winter (Universität Tübingen, Katholische Theologie) machte bei grundsätzicher Zustimmung drei kritisch-konstruktive Anmerkungen aus systematischer Perspektive. Er stellte den bereits eingeführten Begriff der multiplen Säkularitäten dem der multiplen Sakralitäten dialektisch gegenüber und eröffnete damit einen Diskursraum in vier Bereichen von Grenzziehungen säkularer und religiöser Kontexte. Auf Seiten der Forschung liegt hier ein Institutionen- und machtkritisches Aufgabenfeld. Dies betrifft den sakralen Thirdspace insofern, als dieser immer innerhalb des säkularen Kontextes zu betrachten ist. Wie ist dieser gerechtigkeitssensibel zu gestalten? Winter erwähnte im Zusammenhang mit dem Modell der Anlagerung die Möglichkeit einer maßvoll gestalteten sakralen Ästhetik in bewusstem Kontrast zur Hyperästhetik autoritärer Inszenierungen. Schließlich thematisierte er die Bemerkung, dass das Konzept der multiplen Säkularitäten „jenseits einer klassischen Ontologie des Heiligen“ zu formulieren sei. Dagegen plädierte Winter für eine ontologische Reflexion auf Raumprozesse. Wenn Atmosphären Wirkungen zeitigen, muss es sie geben, also wird man um eine zumindet implizite Ontologie nicht umhinkommen.
An die Responsen schloss sich ein zweiter Diskussionsgang im Plenum an. Er kreiste um die Begriffe Sakralität – wobei hier auch der Begriff des Heiligen wieder ins Gespräch kam – sowie Atmosphäre, die sich in ihrer Vielschichtigkeit als Schlüsselbegriffe bewährten. Hingewiesen wurde u.a. auch auf die Bedeutung von Ritualen, die in der Lage sind, Leerstellen sichtbar zu machen.
Der Nachmittag war ausgefüllt mit zwei Durchgängen von drei parallel veranstalteten Workshops. Anmoderiert wurden sie von Manuela Klauser (Bonn). Dabei sollte Erreichtes und Aussehendes in Hinblick auf das Gesamtprojekt und die Teilprojekte zur Sprache kommen. Sie wurden jeweils von Mitgliedern unterschiedlicher Teilprojekte vorbereitet und geleitet. Die Begriffe Hybridität, Sozialraum und Atmosphäre hatten sich als Querschnittsthemen erwiesen, an denen sich viele Fragen im Zusammenhang mit Transformationsprozessen klären lassen. Durch die zweimalige Veranstaltung konnten die Teilnehmenden an zwei der drei Themen partizipieren. Im Résumé wurden wesentliche Punkte der Diskussionen in den Workshops referiert. Beim Thema Hybridität stellten sich unterschiedliche Begriffsfüllungen in der Kunstgeschichte und der Theologie heraus, was sich im Konkreten auf die Frage der Deutungsmacht auswirken kann. Die „Flexibilisierung“ des Raums wird einerseits als Vorteil, andererseits als Verlust angesehen. Es gebe – gerade auch bei Jüngeren – die Suche nach Eindeutigkeit und Unveränderbarkeit. Beim Thema Sozialraum wurde darauf hingewiesen, dass Sozialraumorientierung Öffnung zur Zivilgesellschaft bedeutet. Dies setzt Schulung voraus. Seitens der Kirchen impliziert dies, Machtstrukturen zu hinterfragen, sich von der Binnenorientierung wegzubewegen und Partner im Sozialraum zu suchen. Im Workshop Atmosphäre wurde in der Begrifflichkeit die Unschärfe als Chance und Problem festgestellt. Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang die Praktiken und welche die Materialitäten und der Raum? Kritisch wurde angemerkt, dass der Atmosphärenbegriff und die Praktiken missbrauchsanfällig sind.
Die von Stefanie Lieb geleitete Schlussdiskussion bot noch einmal die Möglichkeit zu Konkretisierung und Differenzierung. Neben vielfach vorgebrachtem Dank ging es wiederholt um die Frage, ob Hybridität nicht ein Verlust sein könnte, eine Verzweckung, die ein Wesensmerkmal des Sakralen auslöscht. Führt die von Johannes Stückelberger skizzierte Entwicklung des (katholischen) Kirchenraums vom Anbetungs- über den Communio- zum interaktiven Kommunikationsraum notwendigerweise in den Funktionalismus? Hier sind begriffliche Klärungen unumgänglich. Auch der klassische Sakralraum war nicht funktionslos. Tatsächlich löschen neue Funktionszuschreibungen die Qualität einer Kirche etwa als Rückzugsort keineswegs aus. Elisabeth März wies in diesem Zusammenhang auf die Kölner Diakonie-Kirche „St. Karl Borromäus für Leib und Seele“ hin, die gleichermaßen diakonisch als auch ein eminent spiritueller Raum ist. Weitere Themen betrafen die Erinnerungskultur in umgenutzten Kirchengebäuden, die auch eine räumliche Komponente haben sollte, sowie die Problematik der Ungleichzeitigkeit innerhalb der einzelnen Kirchen und die Ökumene. Nicht ausdiskutiert ist das Verhältnis von Multifunktionalität bei simultaner Nutzung einerseits und Identität andererseits. Die Frage nach der Initiierung von Gemeindeprozessen deckte den Informationsbedarf über vorhandene (z.B. in Landeskirchen und Diözesen) und im Aufbau befindliche Institutionen und Kompetenzzentren auf.
Die Tagung schloss mit einem umfassenden Dank des Sprechers an alle Beteiligten sowohl an der Tagung, als auch am Gesamtprojekt sowie mit einem Ausblick auf Anstehendes. Kerstin Menzel informierte über das an der Universität Leipzig gegründete Kompetenzzentrum Sakralraumtransformation und über die im Aufbau befindliche interaktive Website, die das transdisziplinäre Abschlussprodukt der Forschungsgruppe sein wird, Manuela Klauser über das weiterhin von ihr betreute Netzwerk. In den kommenden Monaten werden weitere Bände der Reihe „Sakralraumtransformationen“ im Aschendorff Verlag erscheinen.
Prof. Dr. Albert Gerhards