Im Rahmen der Regensburger Baukulturtage 2026 veranstaltete die DFG-Forschungsgruppe TRANSARA unter Federführung von Teilprojekt 5 gemeinsam mit Praxispartnern aus Kirche, Stadtplanung, Immobilienwirtschaft, Kulturarbeit und Regionalentwicklung einen Fachtag im Kulturraum M26 der Stadt Regensburg und einen Exkursionstag zu ausgewählten Sakralbauten in verschiedenen Transformationsstadien in Regensburg. Die Veranstaltung verband wissenschaftliche Perspektiven mit praktischen Erfahrungsberichten und machte deutlich, dass die Transformation kirchlicher Immobilien nicht allein eine Frage des Denkmalschutzes oder der pastoralen Planung darstellt, sondern zunehmend auch als gesellschaftliche, ökonomische und stadtentwicklungspolitische Herausforderung verstanden werden muss.
Die Vernissage der Ausstellung TransFormationsLandschaften am 10. April 2026 bildete den Auftakt der 5. Regensburger Baukulturtage 2026. Als Gastgeberin und Hausherrin stellte Stephanie Reiterer (bauwärts GmbH) das diesjährige Leitthema Sakralraumtransformation vor. Im Anschluss stellte Johann Weiß (TRANSARA) das Teilprojekt 5 Immobilienwirtschaft der Forschungsgruppe vor und skizzierte zentrale Fragestellungen des Gesamt-Projekts.
Der TRANSARA-Fachtag am 17. April hatte zum Ziel, die Begriffs- und Marktlage rund um die Umnutzung kirchlicher Gebäude in ihrer Vielfalt und aus unterschiedlichen Perspektiven mit einem interessierten Fachpublikum zu diskutieren. Begrüßt wurden die Teilnehmer von Dr. Christian Blomeyer, Kanzler der Universität Regensburg, sowie von Prof. Dr. Sven Bienert (TRANSARA) vom Institut für Immobilienwirtschaft.
Blomeyer verortete die Diskussion zunächst historisch und verwies auf die besondere Kirchenlandschaft Regensburgs sowie auf die lange Tradition kirchlicher Besitz- und Verwaltungsstrukturen, etwa im Zusammenhang mit Pfründen und historischen Vermögensordnungen. Zugleich wurde der institutionelle Kontext der Universität Regensburg herausgestellt und erläutert, weshalb der Erwerb zusätzlicher denkmalgeschützter Gebäude für die Universität mit erheblichen organisatorischen, finanziellen und rechtlichen Herausforderungen verbunden ist.
An diese Rahmung knüpfte Sven Bienert an und thematisierte insbesondere die Emotionalität und die Widerstände, die Transformationsprozesse kirchlicher Immobilien regelmäßig begleiten. Zentrale Zwischenergebnisse des Teilprojekts zeigen unter anderem sinkende Nutzungsintensitäten liturgischer Räume sowie eine abnehmende finanzielle Deckung kirchlicher Immobilienbestände durch Kirchensteuereinnahmen. Gleichzeitig verwies er auf strukturelle Defizite, organisatorische Stolpersteine und fehlende strategische Instrumente innerhalb kirchlicher Immobilienprozesse.
Johann Weiß stellte das Literaturseminar M26 des Kompetenzzentrums für Nachhaltigkeit in der Immobilienwirtschaft vor, das in Kooperation mit der Stadt Regensburg durchgeführt wird. Ausgangspunkt des Projekts ist die Frage, inwiefern Methoden zur Erfassung immaterieller Werte aus dem DFG-Projekt TRANSARA auf das Regensburger Kulturprojekt M26 übertragen werden können. Ziel ist es, den soziokulturellen Mehrwert von Dritten Orten systematisch zu evaluieren und innerhalb einer dominierenden Kosten-Nutzen-Logik sichtbar und argumentativ anschlussfähig zu machen. Perspektivisch könnten bei ausreichender Datengrundlage Regressionsmodelle entwickelt werden, die Zusammenhänge zwischen soziodemografischen, geografischen und sozialen Variablen sowie immateriellen Mehrwerten untersuchen.
Nach der Kaffeepause folgte die gemeinsame Präsentation von Oliver Rose und Johann Weiß zur ICG-Praxishandreichung Kirche im Prozess. Diese verfolgt das Ziel, kirchliche Akteure und immobilienwirtschaftliche Projektentwickler auf einer Metaebene zusammenzuführen, indem unterschiedliche Prozesslogiken kirchlicher und projektentwicklerischer Transformation systematisch miteinander abgeglichen werden. Die Handreichung identifiziert dabei sowohl Unterschiede als auch Überschneidungen der jeweiligen Prozessabläufe.
In der anschließenden beitragübergreifenden Diskussion wurde die Heterogenität kirchlicher Strukturen und Immobilienbestände besonders hervorgehoben. Besonders deutlich traten ein Nord-Süd- sowie ein konfessionelles Gefälle zutage: Während viele evangelische Landeskirchen bereits umfangreiche Erfahrungen mit Transformations- und Reduktionsprozessen gesammelt haben, befinden sich katholische Strukturen vielerorts noch in früheren Phasen strategischer Auseinandersetzung. Mehrfach wurde von Seiten der Referenten betont, dass erfolgreiche Transformationsprozesse klare Verantwortlichkeiten, transparente Ablauf- und Aufbauorganisationen sowie verlässliche Projektgruppen erfordern. Kritisch diskutiert wurde zudem die unzureichende personelle Ausstattung kirchlicher Bauämter und Beratungsstrukturen. Häufig fehlten Schnittstellen zwischen unterschiedlichen Institutionen und Interessengruppen. Vor diesem Hintergrund wurde die Rolle von TRANSARA als interdisziplinäre Plattform besonders positiv hervorgehoben. Insgesamt wurde der Wunsch geäußert, Bottom-up-Initiativen zu stärken und zu fördern, Transparenz in Entscheidungsprozessen zu erhöhen und externe Perspektiven als Gewinn anzuerkennen. Als positives Beispiel wurde wiederholt die Church of England mit ihrer gut 60jährigen Erfahrung auf diesem Gebiet genannt.
Im darauffolgenden Beitrag stellte Tanja Flemmig von der Stadt Regensburg exemplarisch den Fall der evangelischen Kreuzkirche vor. Das Beispiel verdeutlichte eindrücklich die komplexen Wechselwirkungen zwischen kirchlichen Entscheidungen, kommunaler Stadtentwicklung und immobilienwirtschaftlichen Interessen. Die Kirchengemeinde strebte den Verkauf der Immobilie an einen privaten Investor an, um an anderer Stelle eigene Standorte stärken zu können. Flemmig machte in ihrem Vortrag sehr offen deutlich, wie unklare Zuständigkeiten, mangelnde Transparenz und fehlender Austausch zwischen Kommunen und Kirchen dazu führen können, dass Nutzungschancen übersehen werden. Auch innerhalb der kommunalen Verwaltung hätten Kommunikationsdefizite bestanden. So sei der Antrag auf Änderung des Bebauungsplans zunächst über das Liegenschaftsamt bearbeitet worden, das vergleichsweise früh Zustimmung signalisiert habe, ohne das Stadtplanungsamt ausreichend einzubinden. Anschließende Interventionsversuche durch die Stadt Regensburg blieben erfolglos, da keine für den Investor attraktive Einigung gefunden werden konnte. Im Verlauf der anschließenden Diskussion setzte sich die Erkenntnis durch, dass weder die Stadt noch die Kirche als homogene Akteure verstanden werden können.
Nach der Mittagspause wurde von Verena Pfeffer, Kulturwissenschaftlerin und Expertin für EU-Förderanträge im Bereich Regionalentwicklung, das EU-InterReg-Projekt REliHE Oberpfalz vorgestellt. Das vierjährige Projekt unter Leitung des Politecnico di Torino untersucht religiöses Kulturerbe in sechs europäischen Ländern und analysiert vergleichend Schwachstellen, Förderkriterien sowie Entwicklungs- und Nutzungsperspektiven. Neben Fragen des Denkmalschutzes und der Regionalentwicklung spielen dabei auch Nachhaltigkeit, Inklusion und Wissensvermittlung eine zentrale Rolle. Ziel des Projekts ist eine ganzheitliche Betrachtung religiösen Kulturerbes und seiner vielfältigen gesellschaftlichen Anschlussfähigkeiten, um daraus langfristig passgenaue Förderprogramme und Förderkriterien abzuleiten.
Das anschließende Podiumsgespräch zur Klöstertransformation brachte unterschiedliche Perspektiven aus Kulturarbeit, Stadtentwicklung und kreativer Praxis zusammen. Stephanie Reiterer stellte das Projekt zur Reaktivierung des Klosters Frauenzell als Dritter Ort vor. Ziel des Projekts ist es, die teilweise privat genutzte und teilweise als Depot verwendete Klosteranlage langfristig für gemeinwohlorientierte Mischformen aus Wohnen, Kultur und öffentlicher Nutzung zu öffnen. Die Künstler Anna Schölß und Johannes Hochholzer stellten diesen Erfahrungen ihr Projekt TRANSFORMATIONEN gegenüber, das aus Auseinandersetzungen mit dem ehemaligen Kloster Schlehdorf am Kochelsee hervorgegangen ist. Das seit 2018 zum CoHaus transformierte Ensemble verbindet Wohn-, Atelier- und Seminarbereiche und wurde Ausgangspunkt einer mehrjährigen künstlerischen Beschäftigung mit Veränderungen von Orten und Gesellschaft(en). Das Projekt wurde im Rahmen des Fachtags als Beispiel für kreative Schnittstellenarbeit diskutiert.
Im Anschluss stellte Paul Höschl, Leiter der Hauptabteilung Immobilienmanagement der Diözese Regensburg, aktuelle Perspektiven der kirchlichen Baupraxis vor. Präsentiert wurden unterschiedliche Varianten sakraler Nutzungserweiterungen. Der Schwerpunkt des Bistums liegt derzeit stärker auf der Dokumentation und Kategorisierung des Immobilienbestands. In der nachfolgenden Diskussion wurde kritisch angemerkt, dass die gegenwärtige Haltung des Bistums, keine Pfarrkirchen aufzugeben, bislang noch keine umfassende strategische Immobilienpolitik erkennen lasse. Zwar existieren Strukturen des Asset-Portfolio- und Facility-Managements, übergreifende Portfolioanalysen, strategische Immobilienziele sowie eine systematische Verknüpfung mit pastoralen Zukunftskonzepten sind jedoch nicht erkennbar.
Der Abendvortrag Kirchen bewerten? von Karin Berkemann, Theologin und Professorin für Professorin für Baugeschichte und Denkmalpflege an der Hochschule Anhalt in Dessau, widmete sich unterschiedlichen Wertdimensionen sakraler Räume. Thematisiert wurden insbesondere kulturelle, spirituelle und gesellschaftliche Werte von Kirchengebäuden.
Am Samstag, 18. April 2026 fanden unter Federführung der Stadtplanung Regensburg Exkursionen zu drei Kirchengebäuden statt, die sich in unterschiedlichen Transformationsprozessen befinden.
Besucht wurden die bereits am Vortag diskutierte evangelische Kreuzkirche, das Haus Westmünster im Besitz des Bistums Regensburg mit seiner architektonisch bemerkenswerten Kapelle sowie die Kirche des ehemaligen Karmelitinnenklosters St. Theresia. Die Exkursionen verdeutlichten noch einmal in situ, wie unterschiedlich Transformationsprozesse sakraler Räume verlaufen können. Sichtbar wurden sowohl Konflikte und strukturelle Defizite als auch innovative Formen der Um- und Weiternutzung.
Insgesamt zeigte der Fachtag, dass die Transformation kirchlicher Immobilien künftig nur dann erfolgreich gestaltet werden kann, wenn immobilienwirtschaftliche, kirchliche, soziale, kulturelle und stadtentwicklungspolitische Perspektiven systematisch miteinander vermittelt werden. Gerade hierin liegt die besondere Relevanz interdisziplinärer Plattformen, die unterschiedliche Akteursgruppen miteinander in Austausch bringen und dadurch neue Formen des Wissenstransfers ermöglichen.